Einführung 2

Vorhang auf: Berlin wird Reichshauptstadt

Damals, wie heute auch, hatte dieses ungebremste Wachstum für nicht unerhebliche Probleme gesorgt. Die seinerzeit noch nahezu ausschließlich der Industrialisierung geschuldete Luftverschmutzung nahm bedrohliche Züge an, die Versorgung der Bevölkerung mit Trink- und Brauchwasser, vor allem aber auch die Abwasserentsorgung mussten gründlich überarbeitet werden, damit die hygienischen Verhältnisse wenigstens einen Mindeststandard erreichten. Und der ständig zunehmende Verkehr machte es bereits Mitte des Jahrhunderts nötig, – also bereits gut 50 Jahre vor dem Siegeszug des Autos – dass man sich auch verkehrstechnisch Gedanken über die Zukunft machte. Im Auftrag des preußischen Innenministeriums sollte ab 1858 eine Planungskommission des Königlichen Polizeipräsidiums Zielsetzungen schaffen, die der zu erwartenden Situation gerecht wurden. Vorsitzender der Kommission war der junge Regierungsbaumeister James Hobrecht, der jüngere Bruder des Reichstagsabgeordneten und späteren Oberbürgermeisters der Stadt, Arthur Johnson Hobrecht. Diese als Hobrecht-Plan bekannt gewordene Planung sah unter anderem vor, die preußische Hauptstadt von breiten Ausfallsstraßen durchziehen zu lassen, deren Ausbau zugleich das System der Kanalisation vorgeben sollte, von dem man sich eine Besserung der wenig erfreulichen hygienischen Zustände in Berlin erhoffte. Und tatsächlich besserten sich die Umstände mit der 1893 vollendeten Berliner Kanalisation beträchtlich, die mit ihren zwölf Radialsystemen wegweisend für den modernen Städtebau wurde. Anders als Baron Haussmann, dessen radikale Umgestaltung das mittelalterliche Paris nahezu gänzlich verschwinden ließ, musste sich Hobrecht alleine schon aus rechtlichen Gründen auf die Verbreiterung der vorhandenen Straßen beschränken, da das preußische Recht eine Enteignung der privaten Grundstücksbesitzer zur Erstellung neuer Straßenzüge nicht ohne weiteres zuließ. So wurde der »Berliner Generalszug« im wahrsten Sinne des Wortes zum Rückgrat des Hobrecht-Plans. Und tatsächlich ist diese bereits 1858 geplante Straßenverbindung noch heute eine der Hauptverkehrsadern Berlins: Beginnend am Breitscheidplatz, quasi in Verlängerung des Kurfürstendamms, führt sie bis zum Kaiser-Friedrich-Platz, dem heutigen Südstern, von wo aus sie über die heutige Karl- Marx-Straße bis weit nach Neukölln hinein reicht. Der ungünstige Knick zwischen Bülowbogen und Yorckstraße war schon bald notwendig geworden, nachdem 1880 der »Anhalter« zum größten Bahnhof der Welt um- und ausgebaut worden war. Die heute so unansehnlichen Yorck- Brücken waren damals eine viel bewunderte Touristenattraktion, die für den technischen Fortschritt der Zeit stand und entsprechend bestaunt wurde. Tiefgreifender, weil das Alltagsleben der Bewohner entschieden mitbestimmend, war der Hobrecht’sche Gedanke der sozialen Durchmischung in den neu zu erbauenden Wohnquartieren. Diese wurden am Rand der damaligen Stadt in Charlottenburg, Wilmersdorf, Rixdorf, Lichtenberg, Weißensee und Reinickendorf errichtet – heute alles Innenstadtbezirke. Der Plan sah zwei ringförmige Gürtelstraßen vor, welche die Städte Berlin und Charlottenburg komplett umgaben. Die dazwischen liegenden, noch unbebauten Flächen sollten durch Diagonalstraßen und nach allen Richtungen führende Ausfallstraßen in rechtwinklige Baublöcke aufgeteilt werden. Jeweils zur Straßenseite hin sollten bürgerliche Wohnhäuser entstehen, während in den Innenhöfen Wohnraum für Arbeiter sowie Werkstätten für kleine bis mittlere Handwerksbetriebe vorgesehen waren. Hobrecht erwartete, dass dadurch verschiedene Bevölkerungsschichten friedlich zusammenleben könnten. Da der ansonsten ja gerne zu Regulierungen greifende preußische Staat diesbezüglich keine weitergehenden Vorschriften geschaffen hatte, entstand in den Folgejahren eine sehr dichte Bebauung. Dieser Mangel an Vorschriften – die 1853 erlassene Baupolizeiordnung schrieb lediglich vor, dass die Bebauung maximal sechs Vollgeschosse bei einer Traufhöhe von 20 Metern umfassen durfte, während die Innenhöfe eine Mindestfläche von 5,34 Meter im Quadrat haben mussten, damit die Feuerwehrspritzen im Notfall wenden konnten – führte schließlich auch zu wüsten Immobilienspekulationen sowie dem Wachstum der berüchtigten Mietskasernen, des »Steinernen Berlins«, in denen die Menschen unter engsten Verhältnissen wohnten. Es entstanden im Innenbereich der Blöcke Hinter- und Seitenhäuser, die nur die geforderten Mindesthofflächen unüberbaut ließen. Doch die durch die schmalen Höfe nur spärlich beleuchteten Wohnungen, und die durch die Enge und hohe Bewohnerzahl drastisch verschärften hygienischen Verhältnisse führten immer wieder zu Krankheiten ihrer Bewohner – wobei die durch Lichtmangel ausgelöste
Rachitis bei Kindern und die sich in den »trocken zu wohnenden « Wohnungen schnell ausbreitende Tuberkulose sicherlich die schwerwiegendsten und häufigsten Erkrankungen waren.
Paul Halke (*1866 in Berlin) hat diese Situation als junger Künstler in einem beeindruckend künstlerischen Gemälde festgehalten: Mitten in die einstmals ländliche Umgebung wurden Mietshäuser gesetzt. Noch gackern die Hühner im Hinterhof, der seine Funktion als Nutz- und Obstgarten noch nicht gänzlich eingebüßt hat, während auf der gegenüberliegenden Straßenseite bereits eine durchgängige Bebauung die sich ausweitende Stadt kennzeichnet. Die Ölfarbe teilweise mit dem Palettenmesser auf den ungrundierten Karton spachtelnd, findet der Künstler für die Darstellung der schrundigen Brandmauern die adäquate Maltechnik. Allein die Tatsache, dass ein Künstler – allenfalls in der Tradition des großen Menzel stehend – eine derart alltägliche und seinerzeit sicherlich nicht als sonderlich pittoresk empfundene Szene in einem Gemälde festhält, dürfte damals für Unverständnis gesorgt haben. Dies also war ein Beispiel jener »Rinnsteinkunst«, die Wilhelm II. so sehr hasste, da sie weitab aller Erhabenheit kaum zur Erbauung der Massen dienen konnte, sondern eher die Wirklichkeit ungeschönt einfing. Es ist ein rundum realistisches Gemälde, sowohl inhaltlich als auch formal.
Ein wenig anders, nämlich aus der Sicht des »Vorderhauses «, schilderte Ludwig Noster (1859–1910) das nun allenthalben zu beobachtende rasante Wachstum Berlins.