Einführung 3

Ganze Viertel wurden innerhalb weniger Jahre aus dem Boden gestampft, gewährleisteten aber bei aller berechtigten Kritik wegen der engen Bebauung eine relativ hohe soziale Durchmischung: In den großzügigen Vorderhäusern, zumeist mit prächtigen Stuckfassaden geschmückt, die das Mauerwerk aus Ziegeln verblendete und wertvolle Steinblöcke vortäuschte, lebte das wohlhabendere Bürgertum, und Ärzte sowie Rechtsanwälte hatten dort ihre Praxen. Über das berühmte »Berliner Zimmer« mit dem Seitenflügel verbunden, befanden sich dort die Wirtschaftsräume bzw. die Unterkünfte für die Bediensteten. In den Hinterhäusern, von denen es zum Teil gleich mehrere gab, die dann mit Hofdurchfahrten miteinander verbunden waren, befanden sich Handwerksbetriebe und die sehr viel kleineren Wohnungen für die Arbeiter und kleinen Angestellten. Es war hier, wo Heinrich Zille (1858–1929) seine Motive fand. Die Mieter im Vorderhaus jedoch konnten sich über mangelnden Komfort nur selten beklagen. Große Fensterfronten schufen helle, lichtdurchflutete Wohnungen, die schon bald mit einem jeweils eigenen Bad und WC ausgestattet waren, Balkone konnten einen kleinen Garten ersetzen, und Fahrstühle sorgten für ein bequemes Erreichen auch der oberen Etagen. Natürlich war man stolz und froh, in einen derartigen Neubau einziehen zu können. Und so zeigt Ludwig Noster in seinem außergewöhnlichen Genregemälde dann auch die Hausfrau auf dem Balkon ihrer modernen und sicherlich großzügigen Wohnung, wie sie, offensichtlich zufrieden, ihr Quartier in Augenschein nimmt. Es ist, wenn man so will, der Inbegriff des neuen, des modernen Berlins, das sich damals anschickte, eine der größten Städte der Welt zu werden.

Grundsätzlich waren diese bald als »Mietskasernen« geschmähten neuen Wohnquartiere jedoch durchaus beliebt bei den Wohnungssuchenden, boten sie trotz der genannten Nachteile immerhin das Lebensgefühl, dass man »modern « wohnte. Seit das Problem der Frisch- und Abwasserversorgung gelöst war, entstand kaum ein Wohnblock, in dem nicht auch in den kleinen Wohnungen der Hinter- und Gartenhäuser Wasserklosetts zumindest auf halber Treppe – vorgesehen waren. Und fließendes Wasser in den Küchen gehörte nun ebenso zum Standard. All dies war früher ja keinesfalls selbstverständlich gewesen und hatte eine derart dichte Besiedelung schließlich auch erst ermöglicht. Franz Skarbina (1849–1910), der sich in seinen Gemälden ansonsten vor allem der Darstellung des eleganten Lebens widmete, hielt diese nun immer mehr verschwindende Situation im Bild fest: Die im Hof eines eher tristen Mietshauses stehende Wasserpumpe war so etwas wie ein natürlicher Treffpunkt, wo man den Nachbarn begegnen und sich über die neuesten Neuigkeiten austauschen konnte.

Berlin wuchs also – und das in ungeahnter Geschwindigkeit, so dass man regelrecht zusehen zu können glaubte. Preußens einst beschauliche Hauptstadt hatte sich zu einer europäischen Metropole entwickelt, die wie ein »Schwarzes Loch« alles anzusaugen schien, was sich in ihrem Einflussbereich befand. Und all die Menschen, die nun aus den unterschiedlichsten, nahen und fernen Teilen des Reiches, und durchaus auch aus dem Ausland zuwanderten, wollten untergebracht, ernährt, erzogen, unterhalten und gekleidet werden. Berlin war also hungrig – und sollte es über Jahrzehnte hinweg auch bleiben. Und das in jeder nur denkbaren Beziehung.

Max Uth (1863–1914), einer der bedeutendsten, weil eigenständigsten Berliner Impressionisten, hatte offenbar die Ausstellung der französischen Pointillisten gesehen, deren Werke von Oktober bis Dezember 1898 in der Berliner Galerie Keller & Reiner erstmals in Deutschland gezeigt worden waren. Jedenfalls hatte sich sein Pinselstrich unter deren Einfluss deutlich verändert: Ohne die strenge und reichlich theoretische sowie naturwissenschaftliche Doktrin eines Seurat, Signac oder Cross zu übernehmen, entdeckte er den in kleine Pinselstriche und Tupfer aufgelösten Farbauftrag für sich, mit dem sich das Flirren des Sonnenlichts so eindrucksvoll wiedergeben ließ. Sein »Blick auf Spandau« betiteltes Gemälde zeigt dann auch den sommerlichen Blick über die Havel auf das Weichbild der Stadt. Eine »Impression« im eigentlichen Sinne des Wortes, bei der die Darstellung des Lichts die Hauptrolle spielt. Aber Uth deutet auch die Demontage dieser sich langsam verlierenden Idylle an: Zahllose Segelkähne, jene Zille genannten Transportboote, die Tag für Tag frisches Obst und Gemüse direkt von den Anbaugebieten vor den Toren der Stadt nach Berlin brachten, die dann direkt aus den Kähnen heraus an die Kunden verkauft wurden, aber auch die ihren schweren, schwarzen Rauch in die Luft pustenden Schleppkähne zeigen den unablässigen Schiffsverkehr, der das Überleben der Millionenstadt erst ermöglichte. Im Jahr 1904 etwa wurden über 50 Prozent sowohl aller verbrauchten als auch aller dort erzeugten Waren auf dem Wasserwege von und nach Berlin transportiert. Selbst in vermeintlich unberührter Natur wurden die Tag wie Nacht fahrenden Schleppzüge und Zillen so zu einem allgegenwärtigen Zeichen der modernen Zivilisation.

Die föderalistische Struktur des deutschen Reiches hatte jedoch schon damals, anders als in Frankreich oder England, keine alles überstrahlende Metropole hervorgebracht, die mit ihrer künstlerischen Elite sich anschicken konnte, wie ein Leuchtturm den zukünftigen Weg der Kunst zu weisen. München, die bayerische Hauptstadt, die von ihrer Nähe zu Wien und Budapest profitierte, galt vielen als wahre Kunstmetropole des deutschen Reiches. Düsseldorf, mit seiner angesehenen Akademie, dominierte den Westen und wirkte wegen seiner Nähe zum Erzfeind Frankreich immer ein wenig wie ein verbissen gehaltenes Bollwerk des Deutschtums. Doch in den vermeintlich so abgelegenen Winkeln Deutschlands konnten sich in aller Ruhe Strömungen und Richtungen entwickeln, die durchaus Beachtung verdienen. Der Hamburger Künstlerbund hat, vom Rest des Landes nahezu unbemerkt, ebenso Großartiges geleistet wie die Dresdner Künstlerschaft, die Weimarer oder eben auch die Berliner. Spätestens seit Berlin 1871 Reichshauptstadt geworden war, erhöhte sich der Druck, auch und gerade von offizieller, ja, gar höchster Stelle: Hier an der Spree sollte sich die deutsche Kunst, nicht nur nach dem Willen des Kaisers, am beispielhaftesten manifestieren.