Vorwort

Als Erstes möchte ich Ihnen viel Freude wünschen bei der Lektüre dieses Buches und bei dem Betrachten der herrlichen Gemälde. Vielleicht nehmen Sie sich ein Glas Wein zur Hand und reflektieren darüber, wie viel anders doch die Welt gewesen ist, als diese Bilder entstanden. Die Natur war noch intakt, nicht weitgehend von Industrie und Landwirtschaft in Beschlag genommen, und in allen Berliner Seen konnte man baden.
Ohne Zweifel hat die moderne Gesellschaft positive Dinge hervorgebracht, die das Leben einfacher gestalten; die Natur gehört allerdings zu den ganz großen Verlierern. Viele der zahlreichen Naturgebiete, welche die Maler der Berliner Kunstin so wunderbarer Weise für uns abgebildet haben, sind heute verschwunden, und man kann froh sein, wenigstens die
Bilder zu haben! Als im Ausland lebender Deutscher wundert mich in diesem Zusammenhang immer wieder die Diskussion über die sinkenden Geburtenraten. Stellen Sie sich einmal vor, die Zahl der Bevölkerung würde tatsächlich um 80% sinken und man würde die freigewordenen Gebiete renaturalisieren! Da wären sie plötzlich dann alle wieder, die schönen Auen von Hessmert und die intakten Flussgebiete von Frankl. Dies dürfte Wunschdenken bleiben; zur Zeit verschwinden in Deutschland fast 6000 Bäume pro Monat.
Die Gemälde der Berliner Kunst von 1877 bis 1937 sind vorwiegend impressionistischer Natur, so dass sich ein Vergleich mit Frankreich anbietet. Das Land ist zwar weniger dicht besiedelt als Deutschland, und man kann mit Glück und Ortskenntnis manchmal sogar noch einmal fünf Kilometer fahren, ohne dass man Spuren menschlicher Nutzung zu sehen
bekommt. Überwiegend ist die Landschaft aber fast genau so verschandelt wie in Deutschland. Wer die herrlichen Bilder von Monet und Sisley vor Augen hat, und dann die roten Boote in Argenteuil einmal in der Realität sehen möchte, der wird sich schnell enttäuscht abwenden. Dort, wo die Red Boats einst schwammen und Renoirs Boating Party ihr Luncheon hatte, da befinden sich heute nur noch monströse Industrieanlagen, die mit ihren Abwässern das Leben im und am Fluss komplett vernichtet haben.
Nochmal, wie wundervoll, dass uns zumindest die Bilder dieser Epoche als Zeuge einer umweltmäßig besseren Zeit erhalten geblieben sind.
Der in diesem Buch abgedeckte Zeitrahmen überschneidet sich unter anderem mit vielen bekannten französischen Malern, wie zum Beispiel Paul Signac (1863-1935) oder Mary Cassatt (1844-1928). Allen gemeinsam ist der impressionistische Stil ihrer Malerei und der damit einhergehende Strukturwandel der Kunstszene im allgemeinen. Weg vom Salon
und hinaus in die Natur, könnte man sagen!
Es war ein steiniger und langer Weg für die Künstler, Franzosen wie Deutsche. Man darf nie ganz vergessen, dass Genies wie etwa Canaletto bereits zu Lebzeiten deshalb so erfolgreich und berühmt waren, weil Photographien der breiten Masse noch nicht zur Verfügung standen. (Canaletto selbst hatte eine sog. Camera Obscura benutzt, um die Perspektiven
und Maßstäbe akkurat auf seine Leinwand zu projizieren. Sie ist sogar bis heute noch erhalten geblieben). Die begüterte Klientel begeisterte sich auf Reisen an der Schönheit Venedigs oder Dresdens und nahm sich dann einen Canaletto als Souvenir mit nach Hause. Ähnliches bei Hofe: Die herrlichen Ölgemälde der zahlreichen Kings and Queens beruhten auf dem Wunsch, sich abzubilden. Attention to Detail und Akkuratesse waren dabei echte Conditio Sine Qua Non, und kein Fan von Canaletto hätte sich damit zufrieden gegeben, wenn die höchst filigran abgebildete Gondel im Bacino di San
Marco nur aus einem impressionistischen Pinselstrich bestanden hätte, der sich erst bei Zurücktreten als ein kleines Boot entpuppt.
Der Pariser Salon, der 1725 begann und seinen Einfluss erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts verlor, hatte zur Zeit der Berliner Kunst immer noch zahlreiche Anhänger seiner ursprünglichen Linie. Akkurate Darstellung und die handwerkliche Kunst des Malens hatten für viele Kunstliebhaber Vorrang vor der Moderne, der Kreativität und ihren neuen Wegen.
Erst ganz langsam änderte sich das, wobei die heute so berühmten französischen Impressionisten wie Monet, Renoir oder Sisley den in diesem Buch dargestellten Künstlern bereits ein wenig den Weg geebnet hatten, einfach weil ihre Werke größtenteils früher entstanden waren (Alfred Sisley etwa lebte von 1839 bis 1899).
Auch das Ausschweifen der Künstler in die Natur war neu. Selbst reine Landschaftsmaler wie Turner und Constable hatten bis dato fast nur im Studio gearbeitet. Dies ist aus kunsthistorischer Sicht ein interessanter Aspekt, denn wir sind heute daran gewöhnt, dass Wandel meist technologiegetrieben ist. Wenn ich meinen Flug im Internet buchen kann, muss ich nicht notwendigerweise das Reisebüro aufsuchen. Bei der Malerei der Berliner Künstler und ihrer französischen Kollegen war das allerdings nicht so, denn die handwerklich oft ganz famosen Malkästen – von denen die meisten, nicht überraschend, aus England kamen – die gab es schon seit geraumer Zeit, und sie waren nicht ursächlich für den Gang ins Freie.

MalutensilienIch bin sicherlich nicht der Einzige, der sich die Frage gestellt hat: „Diese herrlichen Bilder, wie kann es sein, dass man die nicht gemocht hat? Oder waren die Leute (und der Salon) damals
so unaufgeklärt und kleinkariert, dass sie deren Wert nicht zu erkennen vermochten?” Heute gehören Werke impressionistischer Künstler zu den höchstdotierten Offerten im internationalen
Kunstmarkt (for whatever that’s worth).
Sebastian Haffner hat zu Recht einmal darauf hingewiesen, dass man sozialpolitischeVorgänge, zu denen natürlich auch die Kunst gehört, immer nurim Kontext des jeweiligen Zeitgeistes betrachten kann. Für einen Farmeraus den Südstaaten war es sicherlich ganz normal, dass man Sklaven zur Feldarbeit einsetzte. Jeder tat das, auch die Präsidenten Washington und Jefferson,
und man wurde deshalb nicht allein schon deshalb als schlechter Mensch betrachtet.
Der Salon und seine Anhänger hatten offenbar keinen Eigennutz im Sinn, als sie es denImpressionisten so schwer machten. Sie waren halt einfach noch nicht so weit, könnte man salopp sagen.
Man darf, finde ich, nur nicht den allgemeinen Rückschluss ziehen, „dass die Jüngeren immer alles besser machen”, wie es der gute Bömmel in der Feuerzangenbowle so schön formuliert hat. Denn kaum haben diese Jüngeren die zurückliegende Barriere vermittels ihrer modernen Offenheit durchbrochen, so scheitern sie sogleich an dem, was folgt. Denn bereits kurze Zeit nach Akzeptanz der impressionistischen Malerei kommen die Maler der Brücke-Bewegung – ab 1905, und beginnend in Dresden mit Bleyl, Kirchner, Heckel, Schmidt-Rottluff und anderen – und stellen mit ihren verzerrten
Konturen und grünen Gesichtern das grade mal Akzeptierte schon wieder als engstirnig in Frage.
Wo also ist die Grenze zu ziehen? Ich weiß es nicht, und eigentlich weiß es keiner genau. Als quasi herrschende Meinung akzeptiert ist heute nur, dass die Qualität von Kunst nicht notwendigerweise von den handwerklichen Fähigkeiten des Künstlers abhängen soll. Also schlechte Zeiten für Bellotto, Canaletto und ihre künstlerischen Zeitgenossen. Kunst soll sein, was für Kunst erklärt wird, weil es – das ist rein denklogisch nicht abzustreiten – eben kein objektiv gutes Bild gibt, sondern nur eines, welches der jeweiligen Person subjektiv zusagt oder den jeweils gerade gängigen Konventionen entspricht.
Andererseits, ich gebe es zu – and you can call me an ignorant, – fühle ich mich einfach verschaukelt, wenn ich im Moma auf eine leere Leinwand schaue, die der hochqualifizierte Museumsdirektor dieser reputablen Institution ja selbst zur Ausstellung designiert hat. Also point taken but not appreciated! Wahrscheinlich habe ich deshalb ein Buch über die Berliner Kunst veröffentlicht und nicht über jemanden, der ein Pfund Butter in der Museumsecke platziert. Man möge mir diese Engstirnigkeit bitte nachsehen.
Viele der Bilder, die Sie auf den folgenden Seiten sehen, haben recht abenteuerliche Wege hinter sich. Da sie während der NS-Zeit zum Teil als entartet galten, wurden sie häufig vor den Nazis in Sicherheit gebracht und lagerten dann lange an obskuren Stellen. Andere befanden sich in jüdischem Besitz und wurden vom NS-Staat konfisziert. Wieder andere eigneten sich die Besatzungsmächte an. In allen Fällen hatte dies zur Folge, dass viele Gemälde der Berliner Kunst erst Jahrzehnte später wieder auftauchten und ihren Weg in die Öffentlichkeit fanden. Der Begriff der „Öffentlichkeit” ist dabei allerdings zu relativieren. Wie Sie an den Bildbeschreibungen sehen können, befinden sich die meisten Werke in Privatbesitz, und es wäre vielleicht einmal die herausfordernde Aufgabe eines engagierten Kurators, diese im Rahmen einer umfangreicheren Ausstellung einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Schließlich hatte man es bei Caillebotte vor einigen Jahren ja auch geschafft. Er war ein wohlhabender Künstler, der nicht verkaufen musste, und viele seiner Werke befinden sich noch heute im Besitz derjenigen Familien, denen Caillebotte diese damals überlassen hatte.
Dieses Buch hat etwas über 400 Abbildungen und beinhaltet sicherlich zahlreiche Highlights der Berliner Kunst der bezeichneten Jahre. Im Privatbesitz befinden sich aber mehrere tausend, und ich habe dieses Buch unter anderem deshalb veröffentlicht, um diesbezüglich einmal einen Anfang zu machen.
Ein zweiter Band – quasi die nächsten 400 – ist nicht geplant, wäre aber möglich. Wahrscheinlicher ist die Erstellung einer englischen Fassung mit dem Ziel, auch nicht deutsch-sprachigen Kunstliebhabern einen Einblick in die Berliner Kunst zu verschaffen.
Henry Roske

New York, Juni 2014