Einführung 10

Berlin wird Kunsthandelsmetropole

Die rasante Zunahme privater Galerien in Berlin, die nun auch moderne Kunst anboten, mag dies deutlich machen. Beispielhaft seien hier nur das Kaufhaus Wertheim genannt, das in seiner hauseigenen Galerie über lange Jahre die Werke zahlreicher Bracht-Schüler anbot, oder aber auch die bereits 1893 von Adolf O. Troitzsch gegründete »Vereinigung der Kunstfreunde«, die mit ihrem so offiziell klingenden Namen nicht ohne Absicht an die Seriosität eines gemeinnützigen Kunstvereins erinnerte. Sie war jedoch ein absolut kommerzielles Unternehmen, vergleichbar mit einem heutigen Buchclub. Die »Vereinigung« erwarb Gemälde zeitgenössischer Künstler, ließ sie aufwändig reproduzieren und stellte diese Reproduktionen, aber auch die Originale, in ihrer Galerie in der Markgrafenstraße/Ecke Leipziger Straße zum Verkauf aus. Die Mitglieder zahlten 24 Mark Jahresbeitrag und erhielten dafür »1.) Freiblatt nach Wahl von Reproduktionen (Ladenpreis: 35 Mark); 2.) jedes dritte Jahr der Mitgliedschaft ein weiteres Freiblatt; 3.) Vorzugspreise für die Reproduktionen; 4.) Zeitschrift Der Kunstfreund gegen 5 Mark Zuschlag pro Jahr; 5.) Werbeprämien in Bildern und Porzellanen.« 34 Wenn man bedenkt, dass Hans Hartig sein Gemälde Winterabend über’m Dorf für 90 Mark an Adolf Troitzsch verkaufte, eine Reproduktion desselben aber schon 35 Mark kostete, wird man sich leicht vorstellen können, welch lukratives Unternehmen diese Firma darstellte.35 Doch den Künstlern war offensichtlich durchaus daran gelegen, mit Troitzsch ins Geschäft zu kommen, stellte doch sowohl dessen Galerie als auch der Kunstdruckverlag nicht zuletzt auch für die Künstler eine durchaus einträgliche Einnahmequelle dar, vor allem aber eine gute Gelegenheit, den eigenen Namen bekannter zu machen. Die Zusammenarbeit Hans Hartigs mit dem Kunsthändler sollte dann schließlich auch bis 1932 andauern. Bemerkenswert aus heutiger Sicht ist jedoch vielmehr die Tatsache, dass bildende Kunst seinerzeit offensichtlich einen derart hohen Stellenwert in der Wertschätzung des Publikums hatte, dass sich ein solches Subskriptionsunternehmen, denn um nichts anderes handelte es sich ja letzten Endes, überhaupt auszahlte. Dass ein Buchclub seine Mitglieder mit Neuerscheinungen versorgt, ist uns heute geläufig und erscheint normal. Dass aber ebenso mit den neuesten Arbeitsergebnissen »moderner Künstler allerersten Ranges« verfahren werden konnte, ist uns mittlerweile unvorstellbar. Malerei und Graphik war zu einem festen Bestandteil jener Luxusgüter geworden, die zum üblichen Konsum eines bürgerlichen Haushaltes gehörten. Wer es sich leisten konnte, erwarb Originale. Aber auch die ärmeren Kreise mussten auf bildende Kunst nicht verzichten, nur eben in Form von Reproduktionen.

Welch wirtschaftliche Bedeutung dem Kunsthandel in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg zukam, zeigen die erbitterten Kämpfe um die Gunst des Publikums. Bereits 1905 sah sich der Verein Berliner Künstler gezwungen, eine Lotterie anlässlich der Großen Berliner Kunstausstellung einzuführen, mit der man hoffte, zusätzliche Umsätze machen zu können. »Hauptgewinn: Wert 10.000 Mark, Preis des Loses 1 Mark. Der Gewinner erhält nicht ein bestimmtes Kunstwerk, sondern eine Geldanweisung zum Kauf eines oder mehrerer Werke nach freier Wahl. Er kann also das seinem besonderen Geschmack entsprechende Bild usw. erwerben.« Und damit auch niemand auf den Gedanken kam, der Verein Berliner Künstler wolle sich an der Lotterie bereichern, erläuterte man die Durchführung der Lotterie:

»Die Gewinne haben insgesamt einen Wert von 70.000 Mark, obwohl beim Verkauf aller Lose höchstens 100.000 Mark einkommen können. Wie günstig hier die Gewinnaussicht ist, ergibt sich am besten aus einem Vergleich mit anderen Lotterien. (…) Dieser große Unterschied erklärt sich dadurch, dass bei anderen Lotterien der Veranstalter einen Gewinn machen will (z.B. zum Bau einer Kirche, zur Hebung der Pferdezucht usw.) und weil in der Regel der Verkauf der Lose durch einen Kaufmann erfolgt, der seinerseits natürlich auch noch verdienen will. Beides ist hier nicht der Fall. Der Verein der Berliner Künstler besorgt den Losverkauf selbst und bezweckt für sich keinen Ertrag aus der Lotterie. Er hat nur das Bestreben, Kunstwerke in weitere Kreise unseres Volkes zu bringen und deshalb darf wohl – ganz abgesehen von den Gewinnaussichten – die Aufforderung an alle Freunde höherer Kunst gerichtet werden, durch Ankauf von Losen das ihrige zur Förderung der Kunst beizutragen.«36

Aber schon 1909 änderte man die Auslobung der Preise, da man feststellen musste, dass ein Gutschein über 10.000 Mark für ein beliebiges Kunstwerk durchaus kontraproduktiv sein konnte: Neben all den Gemälden der Mitglieder des Vereins Berliner Künstler hingen nämlich auch jene von Claude Monet, Edgar Degas, Odilon Redon und anderer Franzosen. Und nicht nur einmal suchte sich der Gewinner eben deren Arbeiten aus und nicht das Werk eines der deutschen Künstler, die man ja eigentlich mit dieser Lotterie zu fördern trachtete. Nunmehr erwarb der Deutsche Kunstverein vorab die als Gewinne ausgeschriebenen Gemälde, so dass gewährleistet sein würde, dass ausschließlich deutsche Maler, Graphiker und Bildhauer die Nutznießer dieser Veranstaltung sein würden.

Die Berliner Kunstlandschaft war jedoch mittlerweile in der Tat international geworden. Ja, es gab allen Grund zur Hoffnung, dass Berlin bald Paris als Kulturhauptstadt ernsthaft würde Konkurrenz machen können. Waren dort die Kubisten das Nonplusultra der Avantgarde, so waren es hier die Expressionisten, die sich 1910 mit der Gründung der Neuen Secession separiert hatten, da siebenundzwanzig Maler dieser Richtung – darunter Heckel, Kirchner, Pechstein, Nolde und Schmidt-Rottluff von der Jury der Secession refüsiert worden waren. Die Begründung ihrer Ablehnung durch den einstige Revolutionär Max Liebermann, die dieser in seiner Eröffnungsrede zur Secessions- Ausstellung 1910 lieferte, war nahezu identisch mit jener für die Ablehnung des Gemäldes Walter Leistikows, die nur zwölf Jahre zuvor zur Bildung der Secession geführt hatte: »… die Künstler müssten endlich wieder sich besinnen auf die handwerklichen Grundlagen ihrer Arbeit.« 37 Wie sehr hatte sich die Berliner Kunstszene in den vergangenen drei Jahrzehnten verändert! Gab es damals ausschließlich die Lehrmeinung der Akademie, gegen die sich gerade einmal zwei private Galerien zaghaft auflehnten, so hatte nun auch in Berlin eine schier unüberschaubare Stilvielfalt mit zahllosen Gruppen, Vereinen und Künstlerbünden Einzug gehalten. Die hiesigen Galerien zeigten regelmäßig die Werke der Impressionisten, die im wahrsten Sinne des Wortes salonfähig geworden waren, stellten die Expressionisten vor und selbst die konservativ verhärtete Akademie hatte sich den neuen Strömungen geöffnet. Die Namen von Edvard Munch, Henri Matisse, Maximilien Luce oder Pablo Picasso waren in Berlin nahezu ebenso bekannt wie in Paris, und die Große Berliner Kunstausstellung 1914 war mit einer derart großen internationalen Beteiligung ausgestattet wie noch nie: Edgar Degas schickte drei seiner schon damals hochgeschätzten und -dotierten Pastelle, der Jugendstil-Künstler Eugène Grasset war mit zwei Arbeiten vertreten, Odilon Redon desgleichen, und damals so prominente Künstlerpersönlichkeiten wie Fernand Khnopff und Sir Alma-Tadema sandten ebenfalls ihre neuesten Schöpfungen. Die Atmosphäre im wilhelminischen Deutschland begann sich zu wandeln: Berlin wurde toleranter, weltoffener und weltgewandter.

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges jedoch beendete diese Entwicklung abrupt; von einem Tag auf den anderen war nun der zweifelsohne belebende Kulturaustausch unterbrochen. 1918, nach vier Jahren so patriotischer wie zwangsläufiger Enthaltung von derartigen Exaltationen, lernten die jungen Künstler staunend die Vielfalt der Moderne kennen: Kubismus, Orphismus, Futurismus, Fauvismus, Verismus und Dadaismus. Es verging kaum ein Monat, in dem nicht schon wieder ein neuer »Ismus« den wahrhaft revolutionären Fortschritt für sich beanspruchte. Alles schien möglich. Wie ein Füllhorn goss die Kunst ihre Vielfalt über die jungen Künstler aus, aus der ein jeder sich nach Herzenslust bedienen konnte. Berlin schien sich nun endgültig anzuschicken, ein Zentrum der Kunst zu werden …

Berliner Kunst

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