Einführung 12

Einer der wenigen Berliner Künstler, welche die französische Kunst ganz intensiv und nicht nur während eines kurzen Besuchs in Paris kennen gelernt hatten, war Paul Hoeniger (1865–1924). Er stand damit in der Tradition eines Menzel, eines Liebermann, aber auch eines Skarbina, die allesamt längere Aufenthalte in der französischen Hauptstadt absolvierten. Seine Freundschaft mit dem großen Impressionisten Camille Pissarro, den er 1891 kennen gelernt hatte, als jener begann, sich wieder von der pointillistischen Malweise ab- und dem klassischen Impressionismus zuzuwenden, sollte reiche Früchte tragen. Anders als dieser jedoch verbannte Hoeniger die von einem großen Teil des Publikums geschmähte »Konfettimalerei« nie vollkommen aus seinem Werk. Sein 1915 entstandenes Gemälde »Blick über Dächer« oder aber auch seine etwa zur selben Zeit gemalte Darstellung des Berliner Alexanderplatzes belegen dies deutlich. Wie sehr Hoeniger aber auch die rein impressionistische Auffassung verinnerlicht hatte, ist in einem Meisterwerk wie in seinem sonnendurchfluteten »Blumenmarkt« nachzuvollziehen. Hoeniger hatte dieses Gemälde mit seinem Malerfreund Hans Hartig getauscht, der ihm seinerseits eines seiner Werke übereignete. Bis zu seinem Tod hatte Hartig dieses Bild in Ehren gehalten, in dem Hoeniger sich durch und durch als Impressionist präsentiert: Er malte hier keineswegs die Auslagen und Kundinnen jenes bescheidenen Blumenmarktes, sondern er malte ausschließlich das Licht, das auf sie fällt und das sie schließlich definiert.

Die neue Popularität der Malerei brachte jedoch auch eine ganze Reihe von Seiteneinsteigern hervor, von denen einige bald zu den bekanntesten Künstlern der Zeit zählten. Von Otto Antoine, der sich vom Postbeamten zum »berufensten Schilderer des großstädtischen Berlins« entwickelt hatte, haben wir bereits gehört. Als weiteres Beispiel hierfür wäre August Blunck (1858–1946) zu nennen. Ursprünglich Architekt, verlegte er sich schließlich ganz auf die Malerei und leistete hierbei Beachtliches. Gerade seine großstädtischen Szenen – Blicke in Straßenschluchten oder nächtliche Motive des berühmten Berliner Weihnachtsmarkts, die ihm Anlass für flirrende Lichtspiele waren – sollten seinen Ruf begründen. Doch auch in seinen stimmungsvollen Landschaften war es immer das Licht, das letztendlich sein eigentliches Motiv war.

In zunehmendem Maße waren nun auch Malerinnen an der Durchsetzung der Moderne beteiligt. Paula Modersohn- Becker (1876–1907) und Käthe Kollwitz (1867– 1945), beide Schülerinnen an der Malschule des Vereins Berliner Künstlerinnen, sind bis heute die berühmtesten Vertreterinnen. Aber es gab auch zahllose andere Malerinnen, deren Spur sich allerdings häufig genug verliert: Meistens verabschiedeten sie sich so schnell wie unbemerkt aus dem Kunstbetrieb, nachdem sie geheiratet und ihren Mädchennamen abgelegt hatten. Und oft genug taten die Ehemänner das ihre dazu, wie im Fall Elfriede Thums (1886–1952). War ihr Mann Rolf Lauckner, Stiefsohn des seinerzeit hochverehrten Schriftstellers Hermann Sudermann und selbst Autor, doch der Meinung, dass es genügte, wenn es ein einziges Mitglied in der jungen Familie gäbe, das künstlerisch tätig sei. Selbstverständlich war er der Meinung, dass er selbst dies sein solle, so dass er seiner Frau in den 1930er Jahren schließlich nahe legte, das Malen doch zu unterlassen. Und sie fügte sich! Dies war durchaus kein Einzelfall, so dass manche künstlerische Laufbahn begabter Malerinnen so plötzlich wie unerwartet nach ihrer Eheschließung endete. Dabei galt gerade Elfriede Thum als eine der vielversprechendsten jungen Künstlerinnen überhaupt. Im Jahr 1913 hatte Paul Cassirer ihre Werke neben denen anerkannter Berühmtheiten wie Edouard Vuillard, Alfred Sisley, Gustave Courbet und Camille Pissarro in seiner Galerie gezeigt. Da sie ihre Gemälde stets nur mit »E. Thum« signierte, kam offenbar Cassirer selbst auf den Gedanken, sie als »Erich Thum« vorzustellen. Das Vorurteil, dass Frauen allenfalls zum Tuschen lieblicher Blumenaquarelle taugten, erschien ihm offenbar derart hartnäckig und kontraproduktiv, dass er ihr schließlich das Führen des männlichen Vornamens nahe legte. Die Presse war begeistert von der »kraftvollen Pranke« Erich Thums und als einige Jahre später ruchbar wurde, dass Erich eigentlich eine Elfriede war, hatte Berlin wieder einmal einen jener Skandale, die das Salz in der Suppe des Berliner Kunstbetriebs darstellten.

Hanna Mehls (1867–1928), eine gestandene Impressionistin, die den Vergleich mit den großen Franzosen keineswegs zu scheuen braucht, geriet nach ihrem Tod genauso in Vergessenheit wie viele andere Künstlerinnen auch. Margarete von Zawadzky (1889–1964) etwa, deren Werk sich bereits den Expressionisten annäherte, tauchte nach 1927 auf keiner Ausstellung mehr auf. Leider wissen wir nicht, ob ein eifersüchtiger Ehemann sie vom Malen abhielt oder ob die sich verändernde politische Landschaft ihren Tribut zollte. Denn so wie Elfriede Thum, deren Werk von den Nationalsozialisten als »entartet« eingestuft worden war und somit nicht mehr ausgestellt werden durfte, wurden viele der modernen Künstler mit einem Malverbot belegt.

Doch selbst durchaus erfolgreiche Künstlerinnen, wie die zwischen Berlin und Dresden pendelnde Elisabeth Andrae (1876–1945) wurden erst in unserer Zeit wiederentdeckt. Sie war 1919 an der Gründung des »Hiddenseer Künstlerinnenbundes « beteiligt, der insofern von nicht zu vernachlässigender Bedeutung war, als dass hier erstmals Malerinnen sich zusammenschlossen, um die Vermarktung ihrer Werke in die eigenen Hände zu nehmen. Käufer waren vor allem die Sommerfrischler, die sich auf der Insel aufhielten und sich gerne ein Erinnerungsstück mit nach Hause brachten. Elisabeth Andraes Bedeutung geht allerdings weit über die einer regionalen »Heimatmalerin« hinaus. In den 1920er Jahren soll ihre Freundschaft mit der Expressionistin Gabriele Münter (1877–1962), die nach der Trennung von ihrem Lebenspartner Wassily Kandinsky in schwere Depressionen verfallen war und das Malen aufgegeben hatte, diese sogar dazu veranlasst haben, sich wieder der Malerei zuzuwenden. Elisabeth Andraes Bruder Walter, der sich als Archäologe und Ausgräber Babylons und Assurs einen Namen gemacht hatte und schließlich mit derLeitung des weltberühmten Berliner Pergamonmuseums betraut wurde, konnte seine Schwester mit der Ausführung etlicher großer Wandgemälde beauftragen, welche die Ausgrabungsorte Babylon, Assur, Uruk und Yazılıkaya zeigen und noch heute die Wände des Museums schmücken. Dieser Großauftrag hatte die Künstlerin schließlich einem breiteren Publikum bekannt gemacht. Ein Erfolg, den sie nie richtig auskosten konnte, da mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 auch ihre – die Brücke zwischen Impressionismus und Expressionismus schlagende Malerei – nicht mehr offiziell geschätzt war. Wie viele ihrer Mitstreiterinnen und Mitstreiter geriet sie bald in Vergessenheit. Als im Februar 1945 Dresden von den alliierten Luftstreitkräften dem Erdboden gleichgemacht wurde, gelang es ihr noch, den Feuersturm in den Elbauen zu überstehen. Doch als die Rote Armee schließlich Dresden besetzte, wurde die alte Dame ein Opfer der prekären Versorgungslage: Irgendwann im Mai des Jahres 1945 war die große Malerin an Hunger und Mangelernährung verstorben.

Die Zeit des Nationalsozialismus sowie die Wirren des Zweiten Weltkrieges waren maßgeblich daran beteiligt, dass viele Künstler in Vergessenheit gerieten. Sei es, weil sie tatsächlich mit Malverbot belegt oder aber auch einfach totgeschwiegen wurden. Was nicht in die Ideologie der neuen Herren passte, wurde schlichtweg abgeschafft, vernichtet oder zumindest ignoriert. Viele Künstler verließen das Land, man denke dabei nur an Max Beckmann, der schließlich in St. Louis seine neue Heimat fand – andere zogen sich vollkommen ins Private zurück und malten nurmehr heimlich – wie Emil Nolde, der seine »Ungemalten Bilder« nun in Aquarell- und Gouachetechnik ausführte, um den verräterischen Terpentingeruch zu vermeiden. Wieder andere gaben die Malerei vollkommen auf, und eine nicht eben geringe Anzahl jüdisch-stämmiger Künstler fiel dem Rassenwahn der Nazis zum Opfer und wurde in den Gaskammern von Auschwitz oder Theresienstadt ermordet. Nach dem Ende der braunen Terrorherrschaft und der viel zitierten Stunde Null hieß es, neu anzufangen. Und natürlich blickte man dabei nach vorne – und wagte weitaus weniger gern den Blick zurück. So blieben die meisten der einstmals so erfolgreichen Künstler vergessen.

Der Neffe das Malers Hans Hartig erzählte, wie er in den 1960er Jahren durch West-Berlin irrte und versuchte, die Gemälde seines einstmals so geschätzten Onkels an interessierte Kunsthändler zu verkaufen. Niemand zeigte Interesse, so dass der Nachlass bis in die 80er Jahre unangetastet blieb. Erst dann setzte eine zaghafte Wertschätzung ein, die allerdings nie jenes Ausmaß erreichte, das etwa den Expressionisten zuteil wurde. Deutschland tat sich schwer mit seiner Vergangenheit und wollte sich sehr viel lieber mit seiner Zukunft beschäftigen. Zu oft war der Blick zurück ein schmerzhafter, so dass man lieber nach vorne schauen wollte. Zu oft hatte man gehört, dass deutsche Kunst lediglich ein epigonaler Abklatsch der französischen Impressionisten sei. Allein die Expressionisten, die von den Nationalsozialisten als »entartet« gebrandmarkt und mit Ausstellungsverbot belegt worden waren, galten etwas und konnten sich auch international auf dem Kunstmarkt durchsetzen. Alles, was seitens der Nazis nicht verfemt war, wurde mit Misstrauen betrachtet, selbst wenn es seinerzeit lediglich geduldet worden war. Es ist also an der Zeit, sich eine entspanntere Betrachtungsweise zuzulegen. Erst dann wird man feststellen, dass die deutsche und speziell die Berliner Malerei durchaus Werke hervorbrachte, die den Vergleich mit den großen Namen der Kunstgeschichte keinesfalls zu scheuen brauchen. Dr. Wieland Barthelmess*

* Dr. Wieland Barthelmess wurde 1955 in Schweinfurt geboren und ist der wahrscheinlich führende Experte der Berliner Kunstszene. Er hat u. a. Bücher über Hans Hartig und Elisabeth Büchsel veröffentlicht und betreibt heute eine Galerie mit den Gemälden dieses Genres in Berlin.

Berliner Kunst

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