Einführung 5

Der Vorleser der Kaiserin: Berlin ist Provinz

Reichlich wenig ist vom Berliner Alltag jener frühen Jahre der Gründerzeit überliefert. Der Schriftsteller Theodor Fontane hat in seinen Romanen darüber noch am ausführlichsten berichtet. Die bildende Kunst jedoch kommt auch bei ihm kaum vor. Und wenn, dann in Person eigentümlicher Künstlerpersönlichkeiten, die vor allem wegen ihres unangepassten Lebensstils bemerkenswert sind und weniger wegen ihrer Kunst. Allenfalls wird einmal beschrieben, wie das Bürgertum sich Kopien berühmter Gemälde bestellte, um sich daran zu ergötzen, aber auch, um damit seinen Kunstverstand zu demonstrieren.5 So scheint es, als ob die bildende Kunst in Berlin ein regelrechtes Schattendasein fristete, das von überkommenen Traditionen, erprobten Konventionen und vielleicht noch wohlfeilen Sentimentalitäten geprägt war. Die Künstler lieferten genau das, was das Bildungsbürgertum wünschte, um seine Salons mit repräsentativen Stücken auszustatten, die selbstverständlich auch den Bildungsstand sowie den Geschmack der Besitzer dokumentieren sollten. Einmal im Jahr zeigte die Königliche Akademie in einer Art Leistungsschau die Arbeiten ihrer Lehrkräfte und Meisterschüler, die sich jedoch kaum von den Exponaten vorausgegangener Jahre unterschieden. Offenbar meinte man in Berlin, einen gültigen akademischen Kanon gefunden zu haben, der als Nonplusultra immerwährende Gültigkeit zu haben schien.

Jules Laforgue (1860–1887), ein kaum noch gelesener französischer Schriftsteller, der immerhin fast fünf Jahre, von Dezember 1881 bis September 1886, als Vorleser der Kaiserin Augusta am Berliner Hof verbracht hatte, bestätigte in einem posthum veröffentlichten Erlebnisbericht diese wenig schmeichelhafte Einschätzung des Zustandes der Kultur in Preußen.6 Voller Ironie und Süffisanz berichtet er von provinziellen Possen und Peinlichkeiten, die von den in seinen Augen so ahnungslosen wie grobschlächtigen Berlinern als weltläufige Kulturereignisse beklatscht wurden. Aber er berichtete auch von den ersten zaghaften Versuchen, die moderne Kunst in Berlin einzuführen. Als begeisterter Anhänger der Impressionisten, die seit Ende der siebziger Jahre die französische Kunst zu dominieren begannen, begrüßte Laforgue vor allem die Tätigkeit der Galerie Gurlitt, die im Oktober 1883 zum ersten Mal diese neue Richtung in Berlin präsentierte.

»Es ist dies die einzige wirkliche Kunsthandlung in ganz Berlin; hier herrscht Herr Gurlitt, ein noch junger, sehr intelligenter Mann, der über alles, was jenseits der Grenzen in der Kunst passiert, Bescheid weiß. Der Laden ist eng, aber dort finden von Zeit zu Zeit gute Ausstellungen, manchmal eines, manchmal mehrerer Meister statt. Denkwürdige Kühnheit: Dort war eine Ausstellung französischer Impressionisten zu sehen. Wenn Berlin ein wenig kunstverständig wird, so wird es Herrn Gurlitt zu verdanken sein.«7 Bereits 1887 hatte Laforgue also vorhergesehen, dass eine Erneuerung der Kunst in Berlin kaum von der konservativen preußischen Akademie ausgehen würde, sondern vielmehr von den in der aufstrebenden Metropole tätigen Kunsthändlern. Noch schien Berlin zur Zeit Laforgues in einer Art Dornröschenschlaf dahinzudämmern: Gerade einmal drei private Galerien gab es in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts, wie Laforgue bestätigte: »Es gibt drei Bildergeschäfte, die in ihren Schaufenstern Gemälde ausstellen. Zwei, nahe beieinander, Unter den Linden, in deren Schaufenstern aber nur die ewigen Italienansichten von Achenbach, Schweizer Ansichten von irgendeinem Unter-Calame, sentimentale Familienbilder von Knut-Eckwald, Almen von Sicher etc. ausgestellt sind, und dieses Schaufenster bleibt ewig unverändert, es wird selten erneuert. Vor einem Jahr hat ein Kölner Händler eines dieser Geschäfte übernommen und veranstaltet kleine Ausstellungen ‚nach Art’ der in der rue de Sèze, aber wie jämmerliche! Außerdem kosten diese Ausstellungen eine Mark Eintritt, was es noch nie gegeben hat.«8

Es war der tatsächlich aus Düsseldorf stammende Kunsthändler Eduard Schulte – der in Köln lediglich eine weitere Dependance unterhalten hatte – über den Laforgue sich hier so despektierlich äußerte. Schulte hatte 1886 das Ausstellungslokal des alteingesessenen Auktionshauses Lepke, Unter den Linden 4a, übernommen und dort seine Ausstellungen veranstaltet, auf denen er neben den mitgebrachten Werken der seinerzeit so hochgeschätzten Düsseldorfer Schule mit ihrem romantischen Grundton nun auch Arbeiten Berliner Maler präsentierte. Immerhin zeigte Schulte ein Jahr nach Eröffnung seiner Galerie eine viel beachtete Ausstellung mit Werken Arnold Böcklins, dessen mystische Gemälde die Italiensehnsucht der Deutschen so treffend wiedergaben. Und nachdem die Galerie 1891 ins unter Denkmalschutz stehende Palais Redern9 am Pariser Platz überführt worden war, galt sie als technisch am besten ausgestattete Galerie Berlins. Sie besaß, anders als etwa das Konkurrenzunternehmen Fritz Gurlitts, einen Oberlichtsaal sowie einen verdunkelbaren Raum, der elektrisch beleuchtet werden konnte. Der Kritiker Karl Voll konstatierte unter dem Pseudonym Dr. van Eyck, dass es sich bei der Schulte’schen Kunsthandlung um eine der angesehensten Kunsthandlungsfirmen Deutschlands handle:

»Im vornehmsten Theile der Stadt, in einem Hause, dessen einstiger Besitzer ein Freund der Künste und geistvoller Geselligkeit war, im ehemaligen Gräflich Redern’schen Palais am Pariser Platz, haben die rührigen Inhaber einer der angesehensten Kunsthandlungsfirmen Deutschlands in den Parterreräumlichkeiten ein Ausstellungslocal eröffnet, mit dem sich an Schönheit und Zweckmäßigkeit nur etwa einige Pariser Salons messen können. Die auf das Behaglichste ausgestatteten Raume – drei Salons nach der Strasse »Unter den Linden« heraus gelegen, von denen der eine künstlich verdunkelt und electrisch erleuchtet ist, und ein großer Oberlichtsaal mit Vorraum – sind die denkbar vortheilhaftesten für eine gewählte Kunstsammlung und laden geradezu zum intimen Genuss der ausgestellten Werke ein. Von letzteren ist dazu eine Collection zusammengebracht, die an Vielseitigkeit, Geschmack und Reichthum an großen Namen selbst verwöhnten Kunstsybariten Befriedigung gewähren muss. […] Da auch das Ausland mit verschiedenen, zum Theil ganz vorzüglichen Werken betheiligt ist, gewährt die Schulte’sche Galerie ein sehr lebendiges Bild der modernen Kunst.« 10

Berliner Kunst

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