Einführung 6

Edvard Munch in Berlin: Erste Unruhe

Bereits ein Jahr bevor die Große Berliner Kunstausstellung ins Leben gerufen worden war, hatten sich einige junge Künstler in der »Vereinigung der Elf« zusammengefunden, deren erste Ausstellung am 5. Februar 1892 in jener Galerie Schulte am Pariser Platz stattfand. Dieser »Vereinigung der Elf« gehörten neben Max Liebermann, Walter Leistikow, Hans Herrmann und Franz Skarbina auch noch Künstler wie Ludwig von Hofmann, George Mosson, Martin Brandenburg oder schließlich auch Max Klinger an. Alles Namen, die Jahre später auch in der Gründungsliste der Berliner Secession auftauchen sollten. Bislang wurde in der Kunstliteratur immer der Wunsch nach unzensierten Ausstellungsmöglichkeiten jener modernen, deutlich von den französischen Impressionisten beeinflussten Künstler, als Beweggrund für diese Gruppenfindung genannt. Dies war sicherlich das entscheidendste Motiv für ihren von den »Akademikern« argwöhnisch beobachteten Schritt. Aber darüber darf nicht vergessen werden, dass alle derartigen Gruppierungen zu nichts Nutze sind, sobald sie sich nicht einer Öffentlichkeit präsentieren können. Also war man darauf angewiesen, sich mit dem Kunsthandel zu verbünden, wenn man sich schon von den offiziellen Ausstellungsmöglichkeiten der Akademie lossagte. Doch auch der Kunsthandel konnte und wollte sich derartige Experimente nur leisten, wenn er zumindest die berechtigte Hoffnung hegen durfte, ein Gutteil der ausgestellten Werke auch tatsächlich verkaufen zu können. Und schon bald sollte sich zeigen, dass das Publikum zumindest die aufgeschlosseneren Interessenten – nur darauf gewartet zu haben schien, moderne Kunst erwerben zu können.

Wie sehr die Berliner ihre Künstler verehrten, mag man daran erkennen, dass die seinerzeit noch nicht allzu zahlreichen bunten Blätter auch über diesen Personenkreis recht ausführlich berichteten. Neben dem Adel, Schauspielern, Sängern und Schriftstellern, gehörten nun auch die Maler zu den in breiten Kreisen verehrten Prominenten des deutschen Kaiserreichs. Und so mancher Sprössling aus bürgerlichem Hause wünschte nichts sehnlicher, als ein gefeierter Maler zu werden. Die explosionsartige Zunahme privater Malschulen im Berlin der Jahrhundertwende, die ihrerseits wiederum den Künstlern die Möglichkeit zum Broterwerb als Lehrer boten, zeigt den gewachsenen Bedarf deutlich. Bei all dieser Popularität war es schließlich nur eine Frage der Zeit, bis sich auch im Berliner Bürgertum ein selbständiges Kunstverständnis herausbilden würde, das nicht mehr auf die leitende Hand der Akademie oder gar des Kaisers angewiesen war. Allein aufgrund der Tatsache, dass Kunst seinerzeit untrennbar zum gesellschaftlichen Leben gehörte, war die Blüte der deutschen Malerei absehbar, die schließlich in der Kunst der Expressionisten gipfelte.

Der große, das gesamte künstlerische Berlin erschütternde Skandal des Jahres 1892, die seither so genannte »Affäre Munch«, schien schließlich jene Mitglieder der »Elf« in ihrer Entscheidung zur Separation zu bestätigen. Der Verein Berliner Künstler hatte auf Anraten des in Berlin ansässigen und seinerzeit sehr geschätzten, eher konservativen norwegischen Malers Adelsteen Norman und nach Befürwortung des nicht minder verehrten Fritz von Uhde einen in Paris lebenden jungen Künstler aus Oslo eingeladen, der wollte man den Zeitungen glauben, denn mit eigenen Augen gesehen hatte dessen Werke noch niemand in Berlin – neue Wege in der Malerei eingeschlagen hatte: Edvard Munch.11 Der Künstler kam Anfang November mit 55 Gemälden und Zeichnungen in Berlin an, die er höchstpersönlich in der Rotunde, dem Ehrensaal des Künstlerhauses, hängte. Nun zeigte sich, wie wenig man in Preußens Hauptstadt an die sich langsam formierende Moderne gewohnt war. Die Eröffnung der Ausstellung geriet schlichtweg zum Skandal. »Das soll Kunst sein!« berichtete Walter Leistikow über die empörten Äußerungen seiner Kollegen. »O Elend, Elend! Das war ja anders als wir es malen, das war neu, fremd, abstoßend, hässlich gemein! Hinaus mit den Bildern, raus, raus!« 12 Der Grund für die erhitzten Gemüter lag nicht etwa in den gewagten Motiven Munchs oder gar in irgendwelchen, wie auch immer gearteten, anstößigen Inhalten. Nein, es war einzig und allein die »stümperhafte und völlig unbegreifliche«13 Malweise des Norwegers, welche die Berliner zutiefst schockte. Widersprach sie doch allen Regeln der Kunst – jenen jedenfalls, die man an der Akademie lehrte, wie die Kreuzzeitung in ihrer Ausgabe vom 12. November 1892 hervorhob:

»In der sudelnden, hinpatzenden, forsch ins Kolorit gehenden Malweise des norwegischen Paletten-Inhabers liegt unzweifelhaft Methode. Herr Munch ist der Radikalste unter den modernen Malern des Naturalismus, als ein des Begriffs ‚Kunst’ völlig Unbewusster konnte er gar nichts anderes bieten als das, was er geboten hat: er ist eben nichts anderes als der Schnellmaler der ungefähren Alltäglichkeit. Der Rezensent erinnert daran, dass Bilder der ‚Vereinigung der Elf’ in Schultes Kunstsälen der gleichen Richtung angehören, und begrüßt es, dass nun endlich die Minderwertigkeit dieser Kunst völlig offenbar werde.« 14

Anton von Werner, der Direktor der Akademie und gleichzeitig auch Erster Vorsitzender des Vereins Berliner Künstler, wurde nun in einer Sondersitzung des Vereins am 12. November von einer Reihe von Künstlern aufgefordert, die Ausstellung Munchs zu schließen. Von Werner, in seinem Selbstverständnis ein Hüter der wahren deutschen Kunst, wollte diesem Ansinnen nur allzu gerne nachkommen, doch schnell stellte er fest, das man gemäß der Satzungen des Vereins eine Schließung der Ausstellung nur durch eine Abstimmung legitimieren könne. 120 Mitglieder stimmten für einen sofortigen Abbruch der Veranstaltung, 105 sprachen sich dagegen aus. Die ganze Sitzung endete in tumultartigen Auseinandersetzungen, während der etwa 70 Mitglieder unter Protest die Halle verließen und ankündigten, eine freie Künstlervereinigung gründen zu wollen, ohne jedoch aus dem Verein Berliner Künstler auszutreten.

Doch noch war es nicht soweit, als dass eine Secession sich hätte gründen können. Noch wurde das akademische Kunstverständnis von zu wenigen grundsätzlich in Frage gestellt, um den Modernen die Gelegenheit bieten zu können, ein gesellschaftlich relevantes Gegengewicht aufzubauen. Ja, im Grunde genommen hegte überhaupt niemand derartige, gleichsam revolutionäre Gedanken. Selbst die Mitglieder der Elf sahen sich durchaus nicht als kämpferische Erneuerer, die aus weltanschaulichen Gründen den Verein Berliner Künstler oder die Akademie verlassen wollten. Allein die Tatsache, dass sie ihre Gruppe strikt auf elf Mitglieder beschränkten, belegt, dass von einem wie auch immer gearteten missionarischen Eifer nichts zu spüren war. Doch mit einer wachsenden Aufgeschlossenheit seitens des Publikums gegenüber der neuen Kunst sollte auch dies sich ändern.

Berliner Kunst

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